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Nadines Weg zum gemeinschaftsbasierten Wirtschaften


Nadines Weg

zum gemeinschaftsbasierten Wirtschaften und in die Lern- und Handlungsgemeinschaft

Interview: Tobias Steffgen Bearbeitung: Sara v. Jan Korrektur: Michael Ackermann



Wie kamst du zum gemeinschaftsbasierten Wirtschaften?

Nadine Stalpes: Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren mit verschiedenen Modellen alternativen Wirtschaftens. Denn die große Frage, wie ein Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft gelingen kann, stellt sich auch mir. Und ich hatte einige Bedenken, ob ich hier in der Eifel „Gleichgesinnte“ finde, die den Wandel ebenfalls und aktiv gestalten wollen.

Durch meinen Bruder habe ich von Michaela und Timo und MYZELIUM gehört, erfahren, dass es sogar eine Solawi, eine Food Coop, nachbarschaftliches Carsharing und die Ausgebüxt-Familie gibt. Ich konnte es fast nicht glauben, dass hier tatsächlich schon so tolle nachhaltige Projekte im Entstehen sind.

Als ich die ersten Male mit Timo und Michaela gesprochen habe, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich tatsächlich meine Yoga- und Achtsamkeitsangebote, die ganz klassisch marktwirtschaftlich aufgebaut waren, anders und solidarisch organisieren kann.

Ich habe verstanden, dass ich unternehmerisch tätig sein, meine finanziellen Bedürfnisse decken und gleichzeitig solidarisch und fair wirtschaften kann. Dass all diese Bedürfnisse Hand in Hand gehen können, habe ich in meiner bisherigen Selbstständigkeit vorher noch nie erlebt. Es war ziemlich schnell klar, dass ich das ausprobieren möchte. Seit Oktober 2019 arbeiten wir nun intensiv zusammen.


Und dann hast du dich entschieden, bei der Lern- und Handlungsgemeinschaft mitzumachen. Warum?

Nadine: Durch Corona sind in meinem „alten Unternehmen“, das noch marktwirtschaftlich organisiert war, innerhalb von Tagen die Umsätze weggebrochen und ich musste etwas Neues entwickeln. Und da war ich sehr froh, dass ich schon seit Februar Mitglied in der Lern- und Handlungsgemeinschaft von MYZELIUM war, in der wir gemeinsam innerhalb kürzester Zeit kreative Ideen und ein neues Konzept für mein gemeinschaftsbasiertes Yoga entwickelten. Zudem habe ich begonnen, mein wirkliches Herzensprojekt in die Tat umzusetzen, nämlich andere Menschen mit nachhaltigen Projekten in die Selbstständigkeit zu begleiten.

Unsere Lern- und Handlungsgemeinschaft besteht aus sehr verschiedenen Menschen, Unternehmer*innen, die ganz unterschiedliche Projekte aufbauen – aber alle Projekte sind solidarisch und gemeinschaftlich organisiert. Wir treffen uns regelmäßig und diese Gemeinschaft hat mir die Energie, den Mut und das Vertrauen gegeben, in einem kreativen und lösungsorientierten Prozess zu bleiben - und eben nicht zu verzweifeln. So viele Menschen zu erleben, die füreinander da sind und sich immer unterstützen, ist beeindruckend. Und es ist schwer zu erklären, was genau da geschieht, weil es ein Lernprozess ist in dem wir Erfahrungen machen, die die Perspektiven und uns selbst verändern. Und wir lernen so viel schneller gemeinsam. Es ist wirklich ein Veränderungs-Raum den Michaela und Timo öffnen und den wir mitgestalten, um offen und zugewandt so unternehmerisch zu denken und zu handeln, dass es die Welt besser macht.


Du hast ja dann noch eine eigene Gemeinschaft aufgebaut, Deinen Hub, der aus Personen besteht, die nachhaltige Projekte aufbauen. Wie hast Du die Menschen und Projekte gefunden?

Nadine: Ich habe ich mich noch mal ernsthaft gefragt: „Ok, was braucht die Welt jetzt gerade und was kann und will ich der Welt gerade am liebsten geben?“ Meine Gabe ist, dass ich sehe was in Menschen leuchtet und es liebe, damit in Kontakt zu gehen und dieses Leuchten zu fördern. Ich will Menschen unterstützen, die gerade, auch durch Corona, wirtschaftliche Probleme haben oder die sich noch mal neu orientieren oder die jetzt ganz neu in die Selbständigkeit starten. Menschen, die verstehen, dass es wichtig ist, sich gerade jetzt auf den Weg zu machen. So ist Leuchttürme & Graswurzeln entstanden und ich arbeite derzeit mit 15 Soulpreneurs, die die Welt besser machen wollen mit ihren Konzepten zur nachhaltigen Selbstständigkeit.


Und wie bist du auf die Leute zugegangen? Die Idee klingt für die meisten doch bestimmt noch irgendwie total verrückt und dann muss man sich ja seine Leute erst mal suchen, die auch Bock drauf haben und die sich trauen.

Nadine: Es geht dabei auch um Hoffnung. Ich erlebe – und „seit Corona“ noch stärker – so viel Hoffnungslosigkeit. Unser Wirtschaftssystem, das auf rein materielles Wachstum und damit auf Ausbeutung ausgelegt ist, stößt derzeit massiv und für viele spürbar an seine Grenzen. Wirtschaftliche Alternativen zu kennen ist deshalb super wichtig. Ein großes Unternehmen in Bitburg entlässt zum Beispiel erstmals seit vielen Jahren, richtig viele Mitarbeiter. Wegen Corona. Ich kann jetzt zu jemanden sagen, der gerade den Job verliert: Guck mal, hier gibt's schon Alternativen, eine Food-Kooperation vor Ort, es gibt gemeinschaftsbasiertes Yoga und da hinten gibt's den Gemeinschaftsgarten, mit dem sich eine Person finanziert. Es gibt also bereits Orte und Organisation und ein Netzwerk wo es anders läuft. Steig ein, lass uns herausfinden, was Du tun kannst, was Deine Gabe ist, die in die Welt muss. Ich kann Menschen zeigen, etwas Neues ist schon im Aufbau, es existiert schon und atmet.

Ich hatte mein Konzept für Leuchttürme und Graswurzeln erst Ende April fertig geschrieben, mir dann zwei Monate Zeit für den Gemeinschaftsaufbau genommen und im Juli hatten wir schon die „Bieterrunde“. Also, es ging tatsächlich sehr schnell. Ich habe viel drüber erzählt, habe vielen Menschen einfach davon berichtet was ich vorhabe und warum. Und dann habe ich angefangen einen Online-Vortrag zu konzipieren und einfach die Menschen mit denen ich gesprochen hatte eingeladen. Das waren vielleicht 20-30 Leute und die waren alle so begeistert davon, dass sie das auch weitergeschickt haben.

Ich habe dann mehrere Vortragstermine gemacht, gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften vorgestellt. Ich habe ihnen bei Instagram ein bisschen erzählt. Leute haben mich irgendwie bei Facebook erwähnt, also es ging ein Stück weit von allein. Mehr Arbeit waren die Einzelgespräche, also mit jeder Person, die sich dafür interessierte zu telefonieren und zu erfahren, welche Fragen sie hat, was sie an dem solidarisch-gemeinschaftsbasierten Ansatz interessiert und mit welchen eigenen Ideen sie kommt. Damit hatte ich schon einen Teil der Beziehungsebene aufgebaut, ohne die beim solidarischen, gemeinschaftsbasierten Wirtschaften wirklich gar nichts geht.

Und dann waren es auf einmal 15 Menschen die nicht nur gesagt haben: Spannend! - sondern: Wir sind dabei.


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