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Die erste Wein-Solawi an der Mosel wird in der Krise gegründet!

Aktualisiert: Apr 22





MYZELIUM: Was ist für dich der Vorteil einer gemeinschaftsbasierten Gründung?

Jan-Philipp Bleeke: Von der Idee bis zur Umsetzung ist es ein relativ kurzer Schritt. Ich bin ganz frei und kann ohne Investor oder Bank direkt loslegen. Ich habe Ende November das MYZELIUM kennengelernt, mein Konzept für meine Wein Solawi geschrieben und Ende Januar die ersten beiden Mitglieder für meine Solawi gefunden.

Jetzt ist es Mitte März und die Solawi ist voll. Das wurde durch drei Weintastings unter anderem bei der Food Coop Trier und der Solawi in Trier möglich. Wichtig war auch, dass ich die Mitglieder mit in Verantwortung genommen habe und sie dazu motiviert habe, Menschen anzusprechen, die vielleicht Mitglieder werden möchten. Und viele Telefonate!

Gegenüber dem klassischen Weg ging das alles ruckzuck. Ich musste keinen aufwendigen Businessplan schreiben, zu mehreren Banken rennen, um Geld betteln und große Strukturen aufbauen, die mich für viele Jahre binden. Normalerweise muss man als Winzer das ganze Wirtschaftsjahr vorfinanzieren: Schneiden, Weinlese, Kosten bei der Weinherstellung, vor allem bei einem guten Wein. Das alles schenke ich mir, denn der Weinberg ist gepachtet und das Weingut gemietet. So schnell kann auf normalem Weg keiner ein Weingut gründen, ohne Kapital zu haben. Einfach nur mit der Idee und Begeisterung von Menschen, die das unterstützen. Ich gründe also mein eigenes kleines Weingut, was im Prinzip kein Gebäude ist, sondern einfach nur aus 25 Menschen besteht. Kein dickes Schloss, einfach nur 25 Menschen und schon geht´s los.

Bei meiner Solawi geht es um die Beziehungen zwischen den Menschen, die sich versprechen gegenseitig füreinander Verantwortung zu übernehmen, wie Genossen. Aber nicht mit dem Charme der 60er-Jahre 😉. Die Menschen haben eine intrinsische Motivation, tollen Wein zu machen und freuen sich darüber Verantwortung zu übernehmen.


MYZELIUM: Wie trifft dich Corona als Winzer?

Jan-Philipp Bleeke: Mich trifft Corona insoweit, dass ich 2019 Wein für den Markt produziert habe, der auch schon teilweise verkauft ist. Ein Teil sollte in den Export gehen, was nun alles auf „hold“ gesetzt wurde, weil die Gastronomie natürlich nichts absetzt. Dementsprechend stehe ich als Winzer als Letzter in der Kette dumm da. Ich muss auch Rechnungen bezahlen und kann das natürlich nicht, weil gerade niemand Wein kauft. Gegenüber Winzern übernimmt am Markt eben niemand Verantwortung. Ich bin auch nicht in der Position, die Händler vor den Kopf zu stoßen, da man ja eine Geschäftsbeziehung hat, die nach der Coronakrise wieder zum Tragen kommen soll. So hat man keine andere Wahl als es auszuhalten.

MYZELIUM: Welchen Einfluss hat die Corona Pandemie auf deine Gründung?

Jan-Philipp Bleeke: Die Coronakrise hat auf meine Solawi-Gründung insofern Auswirkungen, dass ein paar Leute, zu mir kamen und sagten, dass sie vielleicht nicht mitmachen können, weil sie Kurzarbeit machen müssen. Genau an dieser Stelle beginnt das gemeinschaftsbasierte Wirtschaften Spaß zu machen. Die Solidarität in der Gemeinschaft kommt zum Tragen. Ich habe diesen Menschen gesagt, dass sie doch einfach zahlen sollen, was sie sich in diesen Zeiten leisten können. Wenn der Urlaub flachfällt, dann können die Mitglieder gerne zu mir an die Mosel kommen, im Weinberg helfen und eine tolle Zeit haben.

Ich versuche, jedem Mitglied zu erklären, dass wir eine Solidargemeinschaft sind, die dafür sorgt, dass niemand aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten ausgeschlossen wird. Die Mitglieder sollen sich deshalb nicht sozial isolieren, einfach an der Bieterrunde teilnehmen und darauf vertrauen, dass wir dort eine Lösung finden werden. Wenn alle einen bestimmten Prozentsatz vom Einkommen an die Solawi zahlen und die Gesamtkosten des Projekts damit gedeckt sind, dann können alle mitmachen. Das ist halt das Coole daran. So kann auch jemand mitmachen, der in der normalen Welt, in der Güter Preise haben, ausgeschlossen werden würde. Die Solidarität der Gemeinschaft meiner 25 Teilnehmenden macht dies möglich. Das gibt unheimlich viel Energie! Die Coronakrise ist schlimm für alle Betroffenen. Es wird aber auch deutlich, dass wir anders wirtschaften müssen.

MYZELIUM: Wie sieht die Grünung einer solidarischen Landwirtschaft in der Krise praktisch aus?

Jan-Philipp Bleeke: Ich hatte jetzt einen Schnuppertag. Es waren vier Menschen da. Wir haben viel Abstand gehalten. Ich hatte richtig Spaß mit dieser wissbegierigen Gruppe im Weinberg zu sein. Diese Gruppe hat sich bewusst gesagt, dass sie in dieser Situation in den Weinberg gehen wollen. Sie haben auf Hygiene und Abstand geachtet. Das hat super geklappt. In dieser Situation habe ich auch gemerkt, was Solidarität der Gemeinschaft – die es eigentlich noch gar nicht gibt – gegenüber dem Winzer eigentlich bedeutet. Die sagen: „Ja, Jan, wir verstehen das. Du musst jetzt deine Sachen binden. Du musst jetzt deinen Wein füllen, dann helfen wir dir.“ Das ist einfach ein unglaubliches Gefühl. Man schickt eine E-Mail über den Verteiler und sagt, was ansteht und fragt, wer Lust hat, dabei zu sein und sich ein schönes Wochenende zu machen. Und die Leute unterstützen einen dann. Das ist total geil!

MYZELIUM: Welche grundsätzlichen Gedanken hast du dir in den letzten Tagen in Bezug auf gemeinschaftliches Wirtschaften gemacht?

Jan-Philipp Bleeke: Als ich davon gehört habe, dass Restaurants geschlossen werden, da habe ich gedacht: "Hätten sie es doch direkt gemeinschaftsbasiert gemacht!" Sie müssten dann erstmal nicht schließen bzw. hätten erstmal ein sicheres Einkommen.

Als Konsument ist dir von vorneherein klar, dass du einen Anbieter für ein Jahr ausfinanzierst und praktisch entsprechend deiner Möglichkeiten unterstützt. In einem Restaurant würdest du vielleicht beim Ausliefern helfen. Wenn du dich als Mitglied dazu entscheidest, für ein Projekt Verantwortung zu übernehmen, dann willst du ja auch, dass es läuft. Dementsprechend wäre es viel besser, einfach alles gemeinschaftsbasiert zu machen.

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